Sonntag, 9. August 2015

La Finca

Das Wochenende haben wir also auf der Finca verbracht.
Als ich Finca hörte, dachte ich an ein ruhiges, gemütliches Ferienhaus, zumal mir gesagt wurde, dass wir uns dort entspannen können. Ich dachte, wir sind dann da zu fünft, meine Kommilitonin, ihre Gastschwester, Gasteltern und ich. Ich dachte einfach, es werden ein paar entspannte Tage, in denen ich mich auf die neue Kultur und vor allem auf Spanisch einstellen kann.
Das dachte ich, bis wir dort ankamen.
Allein die Fahrt zur Finca war abenteuerlich. Es sind wahrscheinlich so ungefähr 50km, für die man hier 1,5h braucht, denn in Kolumbien gibt es keine Schnellstraßen oder gar Autobahnen. Es gibt Pisten mit Löchern und tausend Kurven. Einer der wichtigsten Sätze für mich an diesem Wochenende: me mareo. Mir ist schlecht.
Während der Fahrt sieht man alles mögliche: Autos, die mit offenen Kofferräumen fahren, weil Person Nummer sechs nicht mehr reingepasst hat und jetzt hinten sitzt und die Beine rausbaumeln lässt. Pickups mit mehr Kühen auf der Ladefläche als man meinen möchte. Alle möglichen Stände mit allem möglichem Essen. Einfach - verrückt.
die Fica
Unterwegs haben wir noch mal kurz angehalten, damit ich mir eine Sim-Karte besorgen konnte. Ich habe nun also eine Kolumbianische Handynummer, mit der ich fleißig auf WhatsApp vertreten bin.
Als wir dann nach dieser abenteuerlichen Reise endlich an der Finca ankamen, wurde mir schlagartig etwas klar. Finca bedeutet nicht Ferienhaus, Finca bedeutet eine Art Bauernhof.
Wir würden das Wochenende also in einem kleinen Bauernhaus im Nirgendwo verbringen, und zwar nicht zu fünft, wie ich gehofft hatte, sondern mit zwei Cousins der Mutter plus ihren Ehefrauen. In den Fincas nebenan wohnten noch irgendwelche Cousins und Onkels und was weiß ich wer alles, die auch ständig da waren.
unser Zimmer
Nicht nur, dass es eine Menge Leute waren, es war auch nicht viel Platz. Wir, meine Kommilitonin Lisa, ihre Gastschwester und ich teilten uns zu dritt ein Zimmer, in dem es aber nur zwei Betten gab. Also teilte ich mir mit Lisa eben auch noch das Bett.

Das anstrengendste an diesem Wochenende war, dass all die vielen Menschen in ihrem starken Dialekt und in ihrem unendlich schnellen Spanisch ständig mit einem reden wollten, ich aber eigentlich nur meine Ruhe wollte um endlich mal mit all den Erfahrungen klar zu kommen.
Aber wenn ich mich irgendwo hin gesetzt habe dauerte es keine zwei Minuten bis irgendwer kam und mich fragte ob ich Handyempfang habe, was für ein Buch ich da lese oder ob ich hungrig sei.
ein typisches Frühstück
frisch geerntete Phytaya! 
Hungrig! Das wurde ich sowieso dauernd gefragt, dabei war ich es nie. Es gibt in Kolumbien nämlich DAUERND essen. Und damit meine ich dauernd. Und die drei Hauptmahlzeiten sind wirklich immens, und jedesmal gibt es Reis. Sogar zum Frühstück. Außerdem besteht das Essen hier irgendwie zu 80% aus Beilagen und zu 20% aus Fleisch (mein Hinweis darauf, dass ich kaum Fleisch esse, wurde einfach ignoriert bzw. mit einem "das geht in Kolumbien nicht", abgetan)
Zum Frühstück gibt es also beispielsweise ein Arepa (Maismehlfladen), ein Buñuelo (frittiertes Bällchen aus Maismehl und Käse), ein Würstchen und - natürlich! - eine fette Portion Reis. Dazu Kaffe oder Kakao, wobei der Kakao nicht schmeckt wir der Deutsche sondern (wie alles hier) viel zu süß, aber irgendwie nach Traubenzucker. Auch im Kaffe ist immer Zucker.
ein Abendessen
Im Prinzip sehen Mittag- und Abendessen ähnlich aus wie das Frühstück. Zu viele, zu trockene Beilagen und Fleisch.
frisch gepresster Maracujasaft












Meine kulinarischen Highlights waren jedoch an diesem Wochenende alle möglichen Arten von Früchten und Gemüse, die frisch gepflückt wurden. Denn das war der Vorteil an dem Bauernhaus: es wurde viel angepflanzt, sogar Kaffe, bei dessen Verarbeitung wir auch zusehen durften.
So kam ich in den Genuss von frisch geernteten Ananas, Mandarinen, Orangen, Bananen, Avocados, Guanabanas, Guyanas (kannte ich beides vorher auch nicht), Maracujas und Phytayas. Und eben sogar selbst geernteter und verarbeiteter Kaffe.
eine Baby-Ananas :) 
Das Regenwasser-Auffang-Becken
Das Haus war alles in allem einfach sehr rustikal, es gab auch einen Hühnerstall und gekocht wurde über offenem Feuer.
Der Kaffe wird auf dem Flachdach zum trocknen verteilt
Guanabana - Konsistenz wie roher Fisch.
Neben "me mareo" war der zweitwichtigste Satz: "¿Hay agua?" (gibt es Wasser?) was leider jedes mal mit einem "no hay agua" (es gibt kein Wasser) beantwortet wurde. Ab dem ersten Abend waren nämlich aus irgendeinem unerfindlichen Grund die Leitungen tot. Das bedeutete, geduscht wurde mit kaltem, aufgefangenen Regenwasser, und wer aufs Klo wollte musste sich erst einen Behälter Wasser aus einem Auffangbecken holen um dann nachzuspülen. (Vorsicht, unappetitlich: gespült wird nur bei "großem Geschäft"). Trinkwasser wurde zwar geliefert, war aber auch knapp (und irgendwie eklig). Ich hatte das ganze Wochenende wirklich Durst! :D Einmal konnten wir zum duschen zu einer anderen Finca. Erst hat meine Gastmama geduscht, dann die Gastschwester, dann Lisa... und als ich dran war, gab es auch in dieser Finca kein Wasser mehr. Also noch mal Regenwasser-Kübel-Dusche in eiskalt. Jehijehi! Als dann noch der Strom ausfiel, war es wirklich wie im Dschungelcamp.

Mit dem Spanisch war es am Anfang mehr als hart, da ich nicht besonders gut verstehe, noch schlechter spreche und die Leute in der Finca alle in einem unglaublichen Tempo reden. Wenn man sie dann einmal freundlich drauf hinweist, sie mögen bitte langsamer reden weil man sie sonst nicht versteht, SAGEN - SIE - EINEN - SATZ - SO, also als wäre man doof, und betonen jedes Wort ganz langsam und extra. Wenn man dann nickt, und sagt, man habe verstanden - geht es im gleichen Tempo wie vorher weiter. Die ersten beiden Tage hat mich das wirklich überfordert und um allein zu sein habe ich mich immer auf das Flachdach der Finca zurückgezogen. Erstens, weil da niemand war, außer der freundliche Hund am Fuß der Treppe, der schnell mein bester Freund wurde, und zweitens, weil es da Handyempfang gab und ich so nach Deutschland Kontakt aufnehmen konnte.

Leider lag mein "Lieblingsplatz" direkt über dem Kamin der Kochstelle, so wurde ich regelmäßig ausgeräuchert (gekocht wurde, wie gesagt, viel)
mein "Lieblingsplatz" auf der obersten Stufe
mein neuer bester Freund























Am dritten Tag hatte ich mich endlich ein wenig an die Sprechweise gewöhnt und konnte einiges verstehen, auch reden hat dann schon besser geklappt. Da ich nicht mehr dauernd allein sein wollte haben wir drei Mädels uns die Zeit mit Parqués vertrieben, die kolumbianische Version von Mensch-Ärgere-Dich-Nicht, die mit einigen komischen Regeln und vor allem GEGEN den Uhrzeigersinn gespielt wird. Außerdem haben wir einen Ausflug nach Filandia gemacht, der, nach eigener Aussage, "schönsten Stadt in Quindío"
Heute sind wir endlich wieder in die Stadt zurück gefahren. Hier, in der Gastfamilie von Lisa, werde ich noch zwei weitere Tage verbringen, bis ich dann am Mittwoch in meine eigene umziehe. Nach dem Wassermangel am vergangenen Wochenende freute ich mich am meisten auf eine Dusche, leider war das sehr ernüchternd: zwar kommt hier Wasser aus der Leitung, aber nur sehr kaltes. Und damit meine ich wirklich, wirklich sehr kaltes. Außerdem ist der Strahl nicht besonders stark, was bei meinen dicken Harren natürlich eine weitere Schwierigkeit darstellt. Ich hoffe wirklich, meine Gastfamilie hat warmes Wasser ;)
Was mich die nächsten beiden Tage hier in Perreira erwartet, weiß ich aber leider nicht. Ich darf also gespannt sein. Und ich werde berichten!
¡Hasta luego!

2 Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Hay Consy,
    Ich hab jetzt geschätzte 7 Kommentare geschrieben (Die nicht gerade kurz waren)..
    Es hat aber nie geklappt sie zu Posten, jetzt hab ich irgendeinen Kack geschrieben und natürlich gings dann.. Noch mal auf Anfang :D
    Ich les deine Storys immer wieder gerne, wobei ich zugeben muss das ich auch sehr oft schmunzeln muss darüber was so passiert. :'P
    Ich hoffe sehr es gefällt dir trozdem, auch wenn du bis jetzt kein warmes Wasser hattest.
    Ich denk sehr viel an dich und freue mich immer was von dir zu lesen, und die Bilder anzuschauen.

    Ich vermisse dich ( wie schon gesagt )
    Deine Schwester <3

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