Montag, 17. August 2015

Circasia

Jaja, Entschuldigung.
Ich habe aber von vorne herein gesagt, dass ich nicht der Typ bin, der regelmäßig schreibt.
Aber zur Beruhigung aller Gemüter, hier ein keiner aktueller Bericht aus meinem Abenteuer Kolumbien.
Letzte Woche Mittwoch bin ich in Circasia angekommen.
Ein Schwall von Gefühlen ist auf mich eingestürzt.
Auf der einen Seite wären da die etwas... rustikalen Lebensumstände.
Meine Gastschwester wohnt hier zusammen mit ihrer Oma, ihrem Bruder und seiner Familie, ihrer Cousine und deren Freund sowie einer anderen Familie, von denen ich die Zusammenhänge noch nicht ganz verstanden habe.
Im Prinzip gibt es eine Wohnung, in der Oma und Bruder plus Familie leben, sowie einen Hinterhof, von dem aus mehrere, Garagenähnliche Räume abgehen. Einer davon das Zimmer meiner Gastschwester, eines das ihrer Cousine, eines (ein bisschen größer, mehre Zimmer) das der anderen Familie und eines - meins! Etwa zwei mal zwei Meter groß und leider nur mit Bett, also kein Schrank oder Schreibtisch, lediglich drei Regalbretter. Aber wenn man ein bisschen fantasievoll ist, Koffer als unter-Bett-Schubladen benutzt und so weiter, dann geht das platztechnisch schon. Außerdem bekomme ich morgen noch drei neue Regalbretter und einen Spiegel. Wenn ich dann noch irgendwo eine Mehrfachsteckdose und eine Nachtischlampe ergattern kann, bin ich wunschlos glücklich.
Zudem war das Zimmer mit einer noch wertvolleren Sache ausgestattet: einem "Willkommen Consy" Schild. Das war so unfassbar schön und ein warmer Empfang!



Die kleine offene Tür links unter der Treppe: Mein Zimmer!
Der nächste Schock war, dass es zwar Internet hier gibt, das Signal aber nicht bis in mein Zimmer reicht. Da es da auh keinen Handyempfang gibt und ich keine Lust habe, mich jedes mal, wenn ich etwas aus dem Internet brauche, in den Hinterhof zu setzen, versuchte ich, einen W-Lan Repeater zu ergattern. Ich wurde zwar zu Anfang gleich gebremst, da keiner, mit dem ich darüber gesprochen habe, wusste, was das ist bzw. ob so etwas in Kolumbien existiert, konnte dann aber trotzdem in einem kleinen Technikgeschäft in Armenia fündig werden. Mein Zimmer wird also nach und nach "mein Reich".
man beachte die "Dusche" ganz oben
Das "Bad" ist auch etwas gewöhnungsbedürftig, nämlich ein Bretterschuppen mit einem WC (immerhin!) drin und einem in etwa 1,80m Höhe angebrachten Wasserhahn, der "Dusche". Wasser ist natürlich kalt. Aber man gewöhnt sich dran. Waschmaschine gibt es leider auch keine, dafür einen sozusagen Waschsalon. Den teste ich morgen mal, sonst hab ich bald keine Klamotten mehr.
Abgesehen vom Zimmer ist in Circasia einfach ein Traum, und das ist die "andere Seite".
Hier leben 27.000 Menschen, es gibt einen Hauptplatz (der, wie in Kolumbien in jeder Stadt, "Plaza de Bolivar" heißt, weil Bolivar der Befreier war, habe ich schon gelernt) und viele kleine süße Straßen mit Geschäftchen. Es ist einfach wirklich schön und hier fühle ich mich wesentlich sicherer als noch in der Großstadt. Ich traue mich allein durch die Gegend laufen, einkaufen gehen etc. Das erleichtert alles sehr!
Auch die Leute sind durch und durch mehr als liebenswert. Meine Gastschwester, die ein FSJ in Deutschland gemacht hat, spricht praktisch noch perfekt deutsch. Ihre Oma, die ich zwar aufgrund meiner nicht so dollen Spanischkenntnisse quasi nicht verstehe aber egal, ist unheimlich lieb und besorgt. Arbeiten werde ich mit meiner Anlieterin und einer Kollegin, die 22 ist, beide auch wirklich verständnisvoll (nur spricht meine Kollegin leider etwas schnell spanisch). Aber das Team gibt mir ein gutes Gefühl und ich denke ich werde die Zeit hier wirklich genießen können.
Leider hatte ich nur einen Tag in Circasia, den Donnerstag, den ich aber eigentlich in Armenia verbracht habe. Dort musste ich ja aufs Amt um diesen komischen Ausländerpass zu beantragen. Was ich nicht begreife: Man muss im Voraus Passbilder in einem Fotostudio machen und sie bei der Behörde abgeben, die machen dort aber noch mal neue Bilder (toll dass ich an dem Tag aussah wie frisch aus dem Bett gekrochen). Bei dieser Aktion ist der netten Beamtin leider ihr Computer abgestürzt und nicht mehr hochgefahren. Ich saß also eine Dreiviertel Stunde da (!) und habe drauf gewartet, dass das kolumbianische Amt den Kampf gegen die Technik gewinnt.
Danach sind wir zur Fundacion de Quindio gefahren, eine Tageseinrichtung für psychisch und physisch behinderte Kinder und Jugendliche, in der ich ein mal die Woche einen Vormittag mitarbeiten werde. Es war wirklich interessant, aber ich habe großen Respekt davor, dort zu arbeiten. Ich wollte nie mit behinderten Kindern arbeiten, und jetzt tue ich es mit solchen, deren Sprache ich noch nicht beherrsche. Grade bei Kindern mit zB Down-Syndrom wird das wirklich eine große Herausforderung. Am Mittwoch berichte ich mehr!
Zurück in Circasia bin ich zusammen mit meiner Gastschwester und meiner Kollegin aufs Stadtfest gegangen. Circasia wurde an diesem Wochenende nämlich 131 Jahre alt und die ganze Stadt war in Aufruhr. Schon am Vorabend konnte ich einen kurzen Vorgeschmack bekommen, da waren wir nämlich beim öffentlichen "Zumba", wo wir ab jetzt wahrscheinlich zwei mal die Woche zusammen hinwollen. Am Donnerstag Abend haben wir uns noch ein Konzert angehört und den Rest des Abends damit verbracht, den Repeater zu installieren. Spannende Angelegenheit, mit Anleitungen in Spanisch und Englisch, in denen aber nicht das gleiche stand. Irgendwie hat es dann aber doch geklappt.

Das Wochenende habe ich auf einer Versammlung verbracht, der sogenannten "Convention for Young Leaders Colombia". 100 junge erwachsene aus ganz Kolumbien, die sich in irgendeiner Weise engagieren, daher auch die Teilnahme vom CVJM (und damit auch mir und ZUM GLÜCK meiner deutschen Kommilitonin)
Der erste Abend war noch spannend, zwar war es anstrengend so viel spanisch zu sprechen, aber ich habe viele nette neue Menschen kennengelernt.
Mit meiner Kommilitonin Lisa und einem der Veranstalter der Convencion
Die Nacht war schon weniger schön. Wir haben in einem Massenquartier mit 20 andren Kolumbianerinnen geschlafen, die scheinbar das Wort "Rücksicht" nicht kennen. Zwar bin ich schon um halb 10 ins Bett, schlafen konnte ich jedoch erst so ab halb 1, da alle beim zu Bett gehen einen RIESIGEN Krach gemacht haben. Und damit meine ich laut lachen, sich gegenseitig durch das ganze Gebäude zuschreien etc. Und der ganze Spaß ab fünf Uhr morgens noch mal, damit die Flut von 50 Mädels in den 4 Duschen duschen konnte und trotzdem noch ausreichend Zeit zum Schminken hatte.
Dadurch völlig übermüdet war der Samstag schon weniger spaßig. Es ging um Umweltschutz und solche Themen, denen sich in Vorträgen und Diskussionen von 8 Uhr morgens bis 21 Uhr abends gewidmet wurde. Das war zu viel für meinen Kopf, nach dem Mittagessen bin ich mit starken Kopfschmerzen ins "Bett" (also auf die Matratze im Massenlager) und habe mich hingelegt. Falsch gedacht, leider, denn auch nachmittags kennen die Mädels keine Ruhe und sind mehrmals laut schreiend durch den Raum gelaufen.
Ironisch war, dass es ja in den Vorträgen um Umweltschutz ging, es aber das Essen IMMER von Styroporgeschirr gab. Ich weiß nicht, ob die Veranstalter diese Ironie nicht gesehen oder schlichtweg ignoriert haben, aber witzig war es schon. Zudem waren die Reaktionen der jungen Kolumbianer sehr interessant, als einer der Referenten ihnen nahelegte, man solle doch nicht jeden Tag Fleisch essen weil durch die Massentierhaltung ein erheblicher Beitrag zur Klimaerwärmung geleistet werde. Die Zuhörer wären ihm fast ins Gesicht gesprungen und haben ihn angepöbelt von wegen das wäre gar nicht wahr. Sehr spannend, sehr spannend diese Fleischfresserkultur ;)






















Am nächsten Tag gab es einen "Sozialen Einsatz", der damit anfing, dass wir eine Dreiviertelstunde zu dem Restaurant laufen mussten, wo wir frühstücken sollten. Etwas... anstrengend das ganze. Danach haben wir in der Uni bäume gepflanzt und durften uns den Uni-Park ansehen. Sehr beeindruckend! Hat mich irgendwie an Gondwanaland in Leipzig erinnert, nur das hier alles echt war. Die Flora und Fauna war so... unrealistisch! Irgendwie Dschungel-like. Wirklich atemberaubend.
Am Nachmittag / frühen Abend sollte es eine "Stadtrundfahrt" geben. Spannend, dachte ich, ist Armenia ja die Stadt in der ich arbeiten werde. Ich habe mir darunter aber irgendwie etwas falsches gedacht. Denn da stand ein Bus, der die sitze parallel zu den Wänden an den Seiten hatte, etwas wie die U-Bahn in Berlin. also zwei lange, gegenüber liegende Bänke, damit in der Mitte viel Platz ist - nämlich zum Tanzen. Es gab auch Discobeleuchtung und einen DJ. Der Kern der Fahrt war also nicht die Stadt - sondern die Fahrt. Kaum waren wir losgefahren verwandelte sich der Bus in eine Disco, in welcher die Kolumbianer außerordentlich körperbetont tanzten. Ich saß eine Stunde lang in der Ecke und habe verrucht mich zu verstecken. Denn durch mein Blondes Haar und meine Deutsche Sprache war ich wie eine Berühmtheit auf dieser Veranstaltung. Jeder wollte meine Handynummer, ein Foto mit mir machen, mich auf Facebook adden... und eben auch mit mir tanzen. Was ich zum glück irgendwie vermeiden konnte.
An der ersten Station angekommen, begriff ich noch deutlicher, dass es nur um die Fahrt geht. Denn nach einer Stunde fahrt nur 10 Minuten in dem "Ziel-Dorf" zu verbringen, schien mir etwas unausgeglichen. Jedenfalls ging es dann noch mal eine Stunde in ein anderes Dorf weiter, dort wieder nur 10 Minuten Aufenthalt, und dann zurück. Auf der Rückfahrt wollte der DJ die Leute irgendwie ärgern, indem er die Musik ausgemacht hat. Zu Beginn fünf Minuten lang ganz witzig, jedoch war der DJ dann beleidigt dass die Leute nicht jedesmal sofort wieder aufspringen wenn er die Musik wieder an macht (da man sich ja nicht sicher sein konnte ob er sie nicht, sobald man steht, wieder ausmacht) und hat sein Equipment eingepackt. Die letzte Stunde war dann also sehr... ruhig. Und angespannt.
Statt wie geplant um 8 Uhr zu enden (was ich sowieso für eine Wochenendsveranstaltung komisch fand) ging die Convencion bis um 10. Danach mussten Lisa, die noch bis Montag bei mir in Circasia bleiben wollte statt ins eine Stunde entfernte Pereira zu fahren, und ich irgendwie mit dem Bus zurück ins Kaff. Dort sollte uns meine Kollegin abholen, aber irgendwie ging in der Kommunikation was schief. Als wir in Circasia ausstiegen war da leider niemand. Aber zum Glück kenne ich mich mittlerweile ein bisschen hier aus, habe den Weg also auch so gefunden.
Ein kolumbianischer Bus
Heute konnten wir Gott sei Dank ein wenig ausschlafen. Nach dem Schlafentzug (der in der zweiten Nacht natürlich genau so stark war wie in der ersten) war das auch wirklich nötig. Nach dem Mittagessen sind wir wieder zu einer Aktion des Stadtfests gegangen, nämlich dem sogenannten "Vollfüllen der Jeeps", frei übersetzt. Wenn ich es richtig verstanden habe ist es ein alter Brauch: Wenn früher jemand umgezogen ist, hat er dazu einen Jeep mit seinem Hab und Gut gefüllt, Möbel, Tiere, was man sonst so hat. Und um dem zu gedenken gibt es jedes Jahr eine Parade mit vollgestapelten Jeeps. War irgendwie ziemlich witzig.
v.l.n.r.:
 meine Kollegin Lina, Gastschwester Natalia, Kommilitonin Lisa und Ich :)
Danach sind wir noch ein bisschen durch die Stände gebummelt die auch anlässlich dieses Festes aufgebaut waren.
Jetzt hatte ich ein wenig Zeit um mich zu entspannen (und endlich mal meinen Blogeintrag zu verfassen), aber jetzt muss ich auch schon wieder los. Wir treffen uns erneut auf dem Stadtfest, weil es irgend eine Motorrad-Aktion gibt... ich lasse mich überraschen.


Morgen fange ich dann wirklich auch zu arbeiten an. Ich melde mich wieder, diesmal etwas zeitnäher als letztes mal... versprochen!
Hasta luego
Consy

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