Dienstag, 11. August 2015

Pereira

Ich melde mich aus der Großstadt!
Die letzten beiden Tage haben wir in Pereria verbracht, einer Großstadt mit knapp 360.000 Einwohnern. Hier wird Lisa im CVJM ihr Praktikum machen, wo auch ihre Gastschwester Angela arbeitet.
Am Montag mussten wir um kurz vor sechs aufstehen und um kurz nach sieben das Haus verlassen. Montags fährt diese Familie nämlich Bus, denn das Autokennzeichen endet auf 1. Klingt komisch? Ist aber so. In Kolumbien ist das Regel, was die Grünen in Deutschland nur für kurze Zeit eingeführt haben: eine Art autofreie Wochentage. Am Montag müssen Autos, deren Kennzeichen auf 0 und 1 endet, stehen bleiben. Am Dienstag sind dann die auf 2 und 3 dran und so weiter. Am Wochenende darf dann jeder fahren.
Also sind wir mit dem Bus einmal quer durch die Großstadt gegondelt. Busfahren ist echt spannend, denn es gibt zwar Haltestellen, das bedeutet aber noch lange nicht, dass der Bus hält. Man stellt sich hin und winkt, wenn die entsprechende Buslinie vorbeifährt, und der Bus hält dann an, aber nur, falls er nicht zu voll ist. Einen Bus mussten wir leider passieren lassen - kein Platz.
Nach einer wilden Fahrt mit vielen Schlaglöchern und verrücktem Verkehr (ich habe noch nicht ganz durchgesehen aber ich glaube, Vorfahrt hat der, der zuerst Gas gibt...) kamen wir dann beim YMCA Pereira an. Dort nahmen wir an der Dienstbesprechung teil - haha. Ich saß daneben und hab brav genickt und ständig gehofft, dass mir keiner eine Frage gestellt hat. Eigentlich dachte ich, mein Spanisch wäre inzwischen halbwegs salonfähig, aber wenn viele Menschen gleichzeitig schnell reden verstehe ich NICHTS. Garnichts.
eine Art Kartoffelsuppe mit Tortilla und Guavensaft
Zum Mittagessen sind wir in ein kleines Restaurant gegangen, welches wirklich putzig war. Für 6000 COP (kolumbianische Pesos), also umgerechnet c.a. zwei Euro bekommt man eine Suppe (die allein schon als Mittagessen reicht), eine Hauptspeise und ein Glas Saft. Entscheiden konnte man zwischen Hähnchen und Fleisch (nein, das ist hier nicht das gleiche und ja, ich finde das auch ziemlich komisch), paniert oder gegrillt sowie Pommes oder Bohnen. Leider keine vegetarische Alternative. Ich wurde ja schon darauf hingewiesen dass "wenig Fleisch" in Kolumbien schlecht umsetzbar ist.
Reis und Pommes?! 
Ich entschied mich also für gegrilltes Hähnchen mit Pommes. Woran ich nicht gedacht habe: die Kolumbianer und ihr Reis!!! Der durfte natürlich nicht fehlen. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich für Bohnen entschieden. Denn WER isst Reis mit Pommes?!?!







Während dem Essen haben wir eine wirklich interessante Entdeckung gemacht. Ich, Rechtshänder, esse mit der Gabel in der linken und dem Messer in der rechten Hand. Angela sprach mich an, ob ich Linkshänder sei, da ich ja die Gabel in der linke Hand halte. Also dachte ich, in Kolumbien ist das vielleicht genau umgekehrt und habe sie gefragt, ob es für sie nicht schwierig sei, dann mit der linken zu schneiden. Sie hat mich ganz verständnislos angeschaut und mir erklärt, dass sie sehr wohl mit der rechten Hand schneidet. Und auch isst.
Sprich: Kolumbianer nehmen das Messer in die Rechte und die Gabel in die Linke, schneiden einen Bissen ab, tauschen Gabel und Messer, spießen den Bissen auf, schieben ihn sich in den Mund und tauschen zurück. UMSTÄNDLICH!!! Aber ihre Versuche, sich den Bissen mit der linken Hand in den Mund zu schieben, schlugen ziemlich fehl. Zu meiner großen Erheiterung! :D
Den Nachmittag über haben wir praktisch nur damit verbracht, im YMCA rumzuchillen.
Am Abend durfte ich noch zur Nachbarin ;) um mir für 8000 Pesos, also ungefähr 2,70€ die Nägel professionell maniküren zu lassen ^^ ich glaube sie macht das hauptberuflich, hab das jedoch nicht so ganz verstanden... zum Glück war Lisa dabei, die ein bisschen die Dolmetscherin gegeben hat. Witzig war, dass die ganze Familie, also Mama, Papa und die beiden Söhne, sich um uns versammelt haben und uns eine Million Fragen über Deutschland gestellt haben. Wie die Schule ist, die Autobahnen, der Fußball, was Sachen kosten usw. Außerdem mussten wir Unmengen spanische Wörter ins Deutsche übersetzen, welche sie dann versucht haben auszusprechen. Unfassbar, wie schwer es für z.B. Kolumbianer ist, Deutsch richtig auszusprechen. Man konnte die Wörter teilweise kaum erkennen!

Heute konnten wir zum Glück ein wenig ausschlafen (wir mussten erst um 2 in die Stadt), außerdem durfte das Familienauto wieder bewegt werden. Also machten wir uns nach dem Mittagessen (endlich mal kein Reis!) auf den Weg in die Stadt.
Heute vormittag haben wir leider eine ziemlich entnervende Nachricht erhalten: unser Visum (für das wir ja bereits 50 Euro gezahlt haben) reicht nicht aus, wir brauchen zusätzlich noch einen sogenannten "Ausländerpass" (der noch mal 60 Euro kostet), quasi einen kolumbianischen Person für Ausländer. Und, es kommt noch besser: für diesen muss man seine Blutgruppe nachweisen. Ha, ha. Können wir nicht, müssen wir also vor Ort testen lassen.
nach dem Bluttest-Schock: Maracuja-Milchshake!
Ich mit meiner Panik vor Nadeln bin direkt erst mal fast in Ohnmacht gefallen, die Tatsache dass es nur ein bisschen Blut aus dem Finger sein muss hat mich jedoch ein wenig beruhigt. Was ich nicht wusste: die nette kolumbianische Krankenschwester sticht nicht sanft in den Finger, sondern nimmt Schwung als würde sie einen Preis beim Spickern gewinnen wollen. Ernsthaft, dieser scheiß Piekser tut mehr weh als Blut abnehmen aus der Armvene, und dabei fall ich da schon immer fast um. Auch neue Passbilder mussten für diesen komischen Perso gemacht werden. Beantragen werde ich ihn aber erst in der Stadt, in der ich dann arbeiten werde (Armenia).
Im Prinzip haben wir heute nicht mehr gemacht, als die Sachen für diesen Pass zu organisieren, trotzdem bin ich völlig fertig mit der Welt. Ich habe das Gefühl, ich verstehe heute noch weniger Spanisch als gestern, so als würde ich mehr vergessen statt dazulernen.
Morgen früh werde ich abgeholt und in "meine" Gastfamilie gebracht. Ich bin Ultra aufgeregt. Am Donnerstag lerne ich dann "meinen" YMCA kennen. Für mich geht es also ab morgen richtig los.

Sorry, die Bilder in diesem Eintrag sind quasi ausschließlich von Essen. Aber ich hab ja bereits erwähnt - in Kolumbien ist das einfach Thema Nummer eins.
hundemüde verabschiede ich mich,
bis demnächst
Consy


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