Montag, 17. August 2015

Circasia

Jaja, Entschuldigung.
Ich habe aber von vorne herein gesagt, dass ich nicht der Typ bin, der regelmäßig schreibt.
Aber zur Beruhigung aller Gemüter, hier ein keiner aktueller Bericht aus meinem Abenteuer Kolumbien.
Letzte Woche Mittwoch bin ich in Circasia angekommen.
Ein Schwall von Gefühlen ist auf mich eingestürzt.
Auf der einen Seite wären da die etwas... rustikalen Lebensumstände.
Meine Gastschwester wohnt hier zusammen mit ihrer Oma, ihrem Bruder und seiner Familie, ihrer Cousine und deren Freund sowie einer anderen Familie, von denen ich die Zusammenhänge noch nicht ganz verstanden habe.
Im Prinzip gibt es eine Wohnung, in der Oma und Bruder plus Familie leben, sowie einen Hinterhof, von dem aus mehrere, Garagenähnliche Räume abgehen. Einer davon das Zimmer meiner Gastschwester, eines das ihrer Cousine, eines (ein bisschen größer, mehre Zimmer) das der anderen Familie und eines - meins! Etwa zwei mal zwei Meter groß und leider nur mit Bett, also kein Schrank oder Schreibtisch, lediglich drei Regalbretter. Aber wenn man ein bisschen fantasievoll ist, Koffer als unter-Bett-Schubladen benutzt und so weiter, dann geht das platztechnisch schon. Außerdem bekomme ich morgen noch drei neue Regalbretter und einen Spiegel. Wenn ich dann noch irgendwo eine Mehrfachsteckdose und eine Nachtischlampe ergattern kann, bin ich wunschlos glücklich.
Zudem war das Zimmer mit einer noch wertvolleren Sache ausgestattet: einem "Willkommen Consy" Schild. Das war so unfassbar schön und ein warmer Empfang!



Die kleine offene Tür links unter der Treppe: Mein Zimmer!
Der nächste Schock war, dass es zwar Internet hier gibt, das Signal aber nicht bis in mein Zimmer reicht. Da es da auh keinen Handyempfang gibt und ich keine Lust habe, mich jedes mal, wenn ich etwas aus dem Internet brauche, in den Hinterhof zu setzen, versuchte ich, einen W-Lan Repeater zu ergattern. Ich wurde zwar zu Anfang gleich gebremst, da keiner, mit dem ich darüber gesprochen habe, wusste, was das ist bzw. ob so etwas in Kolumbien existiert, konnte dann aber trotzdem in einem kleinen Technikgeschäft in Armenia fündig werden. Mein Zimmer wird also nach und nach "mein Reich".
man beachte die "Dusche" ganz oben
Das "Bad" ist auch etwas gewöhnungsbedürftig, nämlich ein Bretterschuppen mit einem WC (immerhin!) drin und einem in etwa 1,80m Höhe angebrachten Wasserhahn, der "Dusche". Wasser ist natürlich kalt. Aber man gewöhnt sich dran. Waschmaschine gibt es leider auch keine, dafür einen sozusagen Waschsalon. Den teste ich morgen mal, sonst hab ich bald keine Klamotten mehr.
Abgesehen vom Zimmer ist in Circasia einfach ein Traum, und das ist die "andere Seite".
Hier leben 27.000 Menschen, es gibt einen Hauptplatz (der, wie in Kolumbien in jeder Stadt, "Plaza de Bolivar" heißt, weil Bolivar der Befreier war, habe ich schon gelernt) und viele kleine süße Straßen mit Geschäftchen. Es ist einfach wirklich schön und hier fühle ich mich wesentlich sicherer als noch in der Großstadt. Ich traue mich allein durch die Gegend laufen, einkaufen gehen etc. Das erleichtert alles sehr!
Auch die Leute sind durch und durch mehr als liebenswert. Meine Gastschwester, die ein FSJ in Deutschland gemacht hat, spricht praktisch noch perfekt deutsch. Ihre Oma, die ich zwar aufgrund meiner nicht so dollen Spanischkenntnisse quasi nicht verstehe aber egal, ist unheimlich lieb und besorgt. Arbeiten werde ich mit meiner Anlieterin und einer Kollegin, die 22 ist, beide auch wirklich verständnisvoll (nur spricht meine Kollegin leider etwas schnell spanisch). Aber das Team gibt mir ein gutes Gefühl und ich denke ich werde die Zeit hier wirklich genießen können.
Leider hatte ich nur einen Tag in Circasia, den Donnerstag, den ich aber eigentlich in Armenia verbracht habe. Dort musste ich ja aufs Amt um diesen komischen Ausländerpass zu beantragen. Was ich nicht begreife: Man muss im Voraus Passbilder in einem Fotostudio machen und sie bei der Behörde abgeben, die machen dort aber noch mal neue Bilder (toll dass ich an dem Tag aussah wie frisch aus dem Bett gekrochen). Bei dieser Aktion ist der netten Beamtin leider ihr Computer abgestürzt und nicht mehr hochgefahren. Ich saß also eine Dreiviertel Stunde da (!) und habe drauf gewartet, dass das kolumbianische Amt den Kampf gegen die Technik gewinnt.
Danach sind wir zur Fundacion de Quindio gefahren, eine Tageseinrichtung für psychisch und physisch behinderte Kinder und Jugendliche, in der ich ein mal die Woche einen Vormittag mitarbeiten werde. Es war wirklich interessant, aber ich habe großen Respekt davor, dort zu arbeiten. Ich wollte nie mit behinderten Kindern arbeiten, und jetzt tue ich es mit solchen, deren Sprache ich noch nicht beherrsche. Grade bei Kindern mit zB Down-Syndrom wird das wirklich eine große Herausforderung. Am Mittwoch berichte ich mehr!
Zurück in Circasia bin ich zusammen mit meiner Gastschwester und meiner Kollegin aufs Stadtfest gegangen. Circasia wurde an diesem Wochenende nämlich 131 Jahre alt und die ganze Stadt war in Aufruhr. Schon am Vorabend konnte ich einen kurzen Vorgeschmack bekommen, da waren wir nämlich beim öffentlichen "Zumba", wo wir ab jetzt wahrscheinlich zwei mal die Woche zusammen hinwollen. Am Donnerstag Abend haben wir uns noch ein Konzert angehört und den Rest des Abends damit verbracht, den Repeater zu installieren. Spannende Angelegenheit, mit Anleitungen in Spanisch und Englisch, in denen aber nicht das gleiche stand. Irgendwie hat es dann aber doch geklappt.

Das Wochenende habe ich auf einer Versammlung verbracht, der sogenannten "Convention for Young Leaders Colombia". 100 junge erwachsene aus ganz Kolumbien, die sich in irgendeiner Weise engagieren, daher auch die Teilnahme vom CVJM (und damit auch mir und ZUM GLÜCK meiner deutschen Kommilitonin)
Der erste Abend war noch spannend, zwar war es anstrengend so viel spanisch zu sprechen, aber ich habe viele nette neue Menschen kennengelernt.
Mit meiner Kommilitonin Lisa und einem der Veranstalter der Convencion
Die Nacht war schon weniger schön. Wir haben in einem Massenquartier mit 20 andren Kolumbianerinnen geschlafen, die scheinbar das Wort "Rücksicht" nicht kennen. Zwar bin ich schon um halb 10 ins Bett, schlafen konnte ich jedoch erst so ab halb 1, da alle beim zu Bett gehen einen RIESIGEN Krach gemacht haben. Und damit meine ich laut lachen, sich gegenseitig durch das ganze Gebäude zuschreien etc. Und der ganze Spaß ab fünf Uhr morgens noch mal, damit die Flut von 50 Mädels in den 4 Duschen duschen konnte und trotzdem noch ausreichend Zeit zum Schminken hatte.
Dadurch völlig übermüdet war der Samstag schon weniger spaßig. Es ging um Umweltschutz und solche Themen, denen sich in Vorträgen und Diskussionen von 8 Uhr morgens bis 21 Uhr abends gewidmet wurde. Das war zu viel für meinen Kopf, nach dem Mittagessen bin ich mit starken Kopfschmerzen ins "Bett" (also auf die Matratze im Massenlager) und habe mich hingelegt. Falsch gedacht, leider, denn auch nachmittags kennen die Mädels keine Ruhe und sind mehrmals laut schreiend durch den Raum gelaufen.
Ironisch war, dass es ja in den Vorträgen um Umweltschutz ging, es aber das Essen IMMER von Styroporgeschirr gab. Ich weiß nicht, ob die Veranstalter diese Ironie nicht gesehen oder schlichtweg ignoriert haben, aber witzig war es schon. Zudem waren die Reaktionen der jungen Kolumbianer sehr interessant, als einer der Referenten ihnen nahelegte, man solle doch nicht jeden Tag Fleisch essen weil durch die Massentierhaltung ein erheblicher Beitrag zur Klimaerwärmung geleistet werde. Die Zuhörer wären ihm fast ins Gesicht gesprungen und haben ihn angepöbelt von wegen das wäre gar nicht wahr. Sehr spannend, sehr spannend diese Fleischfresserkultur ;)






















Am nächsten Tag gab es einen "Sozialen Einsatz", der damit anfing, dass wir eine Dreiviertelstunde zu dem Restaurant laufen mussten, wo wir frühstücken sollten. Etwas... anstrengend das ganze. Danach haben wir in der Uni bäume gepflanzt und durften uns den Uni-Park ansehen. Sehr beeindruckend! Hat mich irgendwie an Gondwanaland in Leipzig erinnert, nur das hier alles echt war. Die Flora und Fauna war so... unrealistisch! Irgendwie Dschungel-like. Wirklich atemberaubend.
Am Nachmittag / frühen Abend sollte es eine "Stadtrundfahrt" geben. Spannend, dachte ich, ist Armenia ja die Stadt in der ich arbeiten werde. Ich habe mir darunter aber irgendwie etwas falsches gedacht. Denn da stand ein Bus, der die sitze parallel zu den Wänden an den Seiten hatte, etwas wie die U-Bahn in Berlin. also zwei lange, gegenüber liegende Bänke, damit in der Mitte viel Platz ist - nämlich zum Tanzen. Es gab auch Discobeleuchtung und einen DJ. Der Kern der Fahrt war also nicht die Stadt - sondern die Fahrt. Kaum waren wir losgefahren verwandelte sich der Bus in eine Disco, in welcher die Kolumbianer außerordentlich körperbetont tanzten. Ich saß eine Stunde lang in der Ecke und habe verrucht mich zu verstecken. Denn durch mein Blondes Haar und meine Deutsche Sprache war ich wie eine Berühmtheit auf dieser Veranstaltung. Jeder wollte meine Handynummer, ein Foto mit mir machen, mich auf Facebook adden... und eben auch mit mir tanzen. Was ich zum glück irgendwie vermeiden konnte.
An der ersten Station angekommen, begriff ich noch deutlicher, dass es nur um die Fahrt geht. Denn nach einer Stunde fahrt nur 10 Minuten in dem "Ziel-Dorf" zu verbringen, schien mir etwas unausgeglichen. Jedenfalls ging es dann noch mal eine Stunde in ein anderes Dorf weiter, dort wieder nur 10 Minuten Aufenthalt, und dann zurück. Auf der Rückfahrt wollte der DJ die Leute irgendwie ärgern, indem er die Musik ausgemacht hat. Zu Beginn fünf Minuten lang ganz witzig, jedoch war der DJ dann beleidigt dass die Leute nicht jedesmal sofort wieder aufspringen wenn er die Musik wieder an macht (da man sich ja nicht sicher sein konnte ob er sie nicht, sobald man steht, wieder ausmacht) und hat sein Equipment eingepackt. Die letzte Stunde war dann also sehr... ruhig. Und angespannt.
Statt wie geplant um 8 Uhr zu enden (was ich sowieso für eine Wochenendsveranstaltung komisch fand) ging die Convencion bis um 10. Danach mussten Lisa, die noch bis Montag bei mir in Circasia bleiben wollte statt ins eine Stunde entfernte Pereira zu fahren, und ich irgendwie mit dem Bus zurück ins Kaff. Dort sollte uns meine Kollegin abholen, aber irgendwie ging in der Kommunikation was schief. Als wir in Circasia ausstiegen war da leider niemand. Aber zum Glück kenne ich mich mittlerweile ein bisschen hier aus, habe den Weg also auch so gefunden.
Ein kolumbianischer Bus
Heute konnten wir Gott sei Dank ein wenig ausschlafen. Nach dem Schlafentzug (der in der zweiten Nacht natürlich genau so stark war wie in der ersten) war das auch wirklich nötig. Nach dem Mittagessen sind wir wieder zu einer Aktion des Stadtfests gegangen, nämlich dem sogenannten "Vollfüllen der Jeeps", frei übersetzt. Wenn ich es richtig verstanden habe ist es ein alter Brauch: Wenn früher jemand umgezogen ist, hat er dazu einen Jeep mit seinem Hab und Gut gefüllt, Möbel, Tiere, was man sonst so hat. Und um dem zu gedenken gibt es jedes Jahr eine Parade mit vollgestapelten Jeeps. War irgendwie ziemlich witzig.
v.l.n.r.:
 meine Kollegin Lina, Gastschwester Natalia, Kommilitonin Lisa und Ich :)
Danach sind wir noch ein bisschen durch die Stände gebummelt die auch anlässlich dieses Festes aufgebaut waren.
Jetzt hatte ich ein wenig Zeit um mich zu entspannen (und endlich mal meinen Blogeintrag zu verfassen), aber jetzt muss ich auch schon wieder los. Wir treffen uns erneut auf dem Stadtfest, weil es irgend eine Motorrad-Aktion gibt... ich lasse mich überraschen.


Morgen fange ich dann wirklich auch zu arbeiten an. Ich melde mich wieder, diesmal etwas zeitnäher als letztes mal... versprochen!
Hasta luego
Consy

Dienstag, 11. August 2015

Pereira

Ich melde mich aus der Großstadt!
Die letzten beiden Tage haben wir in Pereria verbracht, einer Großstadt mit knapp 360.000 Einwohnern. Hier wird Lisa im CVJM ihr Praktikum machen, wo auch ihre Gastschwester Angela arbeitet.
Am Montag mussten wir um kurz vor sechs aufstehen und um kurz nach sieben das Haus verlassen. Montags fährt diese Familie nämlich Bus, denn das Autokennzeichen endet auf 1. Klingt komisch? Ist aber so. In Kolumbien ist das Regel, was die Grünen in Deutschland nur für kurze Zeit eingeführt haben: eine Art autofreie Wochentage. Am Montag müssen Autos, deren Kennzeichen auf 0 und 1 endet, stehen bleiben. Am Dienstag sind dann die auf 2 und 3 dran und so weiter. Am Wochenende darf dann jeder fahren.
Also sind wir mit dem Bus einmal quer durch die Großstadt gegondelt. Busfahren ist echt spannend, denn es gibt zwar Haltestellen, das bedeutet aber noch lange nicht, dass der Bus hält. Man stellt sich hin und winkt, wenn die entsprechende Buslinie vorbeifährt, und der Bus hält dann an, aber nur, falls er nicht zu voll ist. Einen Bus mussten wir leider passieren lassen - kein Platz.
Nach einer wilden Fahrt mit vielen Schlaglöchern und verrücktem Verkehr (ich habe noch nicht ganz durchgesehen aber ich glaube, Vorfahrt hat der, der zuerst Gas gibt...) kamen wir dann beim YMCA Pereira an. Dort nahmen wir an der Dienstbesprechung teil - haha. Ich saß daneben und hab brav genickt und ständig gehofft, dass mir keiner eine Frage gestellt hat. Eigentlich dachte ich, mein Spanisch wäre inzwischen halbwegs salonfähig, aber wenn viele Menschen gleichzeitig schnell reden verstehe ich NICHTS. Garnichts.
eine Art Kartoffelsuppe mit Tortilla und Guavensaft
Zum Mittagessen sind wir in ein kleines Restaurant gegangen, welches wirklich putzig war. Für 6000 COP (kolumbianische Pesos), also umgerechnet c.a. zwei Euro bekommt man eine Suppe (die allein schon als Mittagessen reicht), eine Hauptspeise und ein Glas Saft. Entscheiden konnte man zwischen Hähnchen und Fleisch (nein, das ist hier nicht das gleiche und ja, ich finde das auch ziemlich komisch), paniert oder gegrillt sowie Pommes oder Bohnen. Leider keine vegetarische Alternative. Ich wurde ja schon darauf hingewiesen dass "wenig Fleisch" in Kolumbien schlecht umsetzbar ist.
Reis und Pommes?! 
Ich entschied mich also für gegrilltes Hähnchen mit Pommes. Woran ich nicht gedacht habe: die Kolumbianer und ihr Reis!!! Der durfte natürlich nicht fehlen. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich für Bohnen entschieden. Denn WER isst Reis mit Pommes?!?!







Während dem Essen haben wir eine wirklich interessante Entdeckung gemacht. Ich, Rechtshänder, esse mit der Gabel in der linken und dem Messer in der rechten Hand. Angela sprach mich an, ob ich Linkshänder sei, da ich ja die Gabel in der linke Hand halte. Also dachte ich, in Kolumbien ist das vielleicht genau umgekehrt und habe sie gefragt, ob es für sie nicht schwierig sei, dann mit der linken zu schneiden. Sie hat mich ganz verständnislos angeschaut und mir erklärt, dass sie sehr wohl mit der rechten Hand schneidet. Und auch isst.
Sprich: Kolumbianer nehmen das Messer in die Rechte und die Gabel in die Linke, schneiden einen Bissen ab, tauschen Gabel und Messer, spießen den Bissen auf, schieben ihn sich in den Mund und tauschen zurück. UMSTÄNDLICH!!! Aber ihre Versuche, sich den Bissen mit der linken Hand in den Mund zu schieben, schlugen ziemlich fehl. Zu meiner großen Erheiterung! :D
Den Nachmittag über haben wir praktisch nur damit verbracht, im YMCA rumzuchillen.
Am Abend durfte ich noch zur Nachbarin ;) um mir für 8000 Pesos, also ungefähr 2,70€ die Nägel professionell maniküren zu lassen ^^ ich glaube sie macht das hauptberuflich, hab das jedoch nicht so ganz verstanden... zum Glück war Lisa dabei, die ein bisschen die Dolmetscherin gegeben hat. Witzig war, dass die ganze Familie, also Mama, Papa und die beiden Söhne, sich um uns versammelt haben und uns eine Million Fragen über Deutschland gestellt haben. Wie die Schule ist, die Autobahnen, der Fußball, was Sachen kosten usw. Außerdem mussten wir Unmengen spanische Wörter ins Deutsche übersetzen, welche sie dann versucht haben auszusprechen. Unfassbar, wie schwer es für z.B. Kolumbianer ist, Deutsch richtig auszusprechen. Man konnte die Wörter teilweise kaum erkennen!

Heute konnten wir zum Glück ein wenig ausschlafen (wir mussten erst um 2 in die Stadt), außerdem durfte das Familienauto wieder bewegt werden. Also machten wir uns nach dem Mittagessen (endlich mal kein Reis!) auf den Weg in die Stadt.
Heute vormittag haben wir leider eine ziemlich entnervende Nachricht erhalten: unser Visum (für das wir ja bereits 50 Euro gezahlt haben) reicht nicht aus, wir brauchen zusätzlich noch einen sogenannten "Ausländerpass" (der noch mal 60 Euro kostet), quasi einen kolumbianischen Person für Ausländer. Und, es kommt noch besser: für diesen muss man seine Blutgruppe nachweisen. Ha, ha. Können wir nicht, müssen wir also vor Ort testen lassen.
nach dem Bluttest-Schock: Maracuja-Milchshake!
Ich mit meiner Panik vor Nadeln bin direkt erst mal fast in Ohnmacht gefallen, die Tatsache dass es nur ein bisschen Blut aus dem Finger sein muss hat mich jedoch ein wenig beruhigt. Was ich nicht wusste: die nette kolumbianische Krankenschwester sticht nicht sanft in den Finger, sondern nimmt Schwung als würde sie einen Preis beim Spickern gewinnen wollen. Ernsthaft, dieser scheiß Piekser tut mehr weh als Blut abnehmen aus der Armvene, und dabei fall ich da schon immer fast um. Auch neue Passbilder mussten für diesen komischen Perso gemacht werden. Beantragen werde ich ihn aber erst in der Stadt, in der ich dann arbeiten werde (Armenia).
Im Prinzip haben wir heute nicht mehr gemacht, als die Sachen für diesen Pass zu organisieren, trotzdem bin ich völlig fertig mit der Welt. Ich habe das Gefühl, ich verstehe heute noch weniger Spanisch als gestern, so als würde ich mehr vergessen statt dazulernen.
Morgen früh werde ich abgeholt und in "meine" Gastfamilie gebracht. Ich bin Ultra aufgeregt. Am Donnerstag lerne ich dann "meinen" YMCA kennen. Für mich geht es also ab morgen richtig los.

Sorry, die Bilder in diesem Eintrag sind quasi ausschließlich von Essen. Aber ich hab ja bereits erwähnt - in Kolumbien ist das einfach Thema Nummer eins.
hundemüde verabschiede ich mich,
bis demnächst
Consy


Sonntag, 9. August 2015

La Finca

Das Wochenende haben wir also auf der Finca verbracht.
Als ich Finca hörte, dachte ich an ein ruhiges, gemütliches Ferienhaus, zumal mir gesagt wurde, dass wir uns dort entspannen können. Ich dachte, wir sind dann da zu fünft, meine Kommilitonin, ihre Gastschwester, Gasteltern und ich. Ich dachte einfach, es werden ein paar entspannte Tage, in denen ich mich auf die neue Kultur und vor allem auf Spanisch einstellen kann.
Das dachte ich, bis wir dort ankamen.
Allein die Fahrt zur Finca war abenteuerlich. Es sind wahrscheinlich so ungefähr 50km, für die man hier 1,5h braucht, denn in Kolumbien gibt es keine Schnellstraßen oder gar Autobahnen. Es gibt Pisten mit Löchern und tausend Kurven. Einer der wichtigsten Sätze für mich an diesem Wochenende: me mareo. Mir ist schlecht.
Während der Fahrt sieht man alles mögliche: Autos, die mit offenen Kofferräumen fahren, weil Person Nummer sechs nicht mehr reingepasst hat und jetzt hinten sitzt und die Beine rausbaumeln lässt. Pickups mit mehr Kühen auf der Ladefläche als man meinen möchte. Alle möglichen Stände mit allem möglichem Essen. Einfach - verrückt.
die Fica
Unterwegs haben wir noch mal kurz angehalten, damit ich mir eine Sim-Karte besorgen konnte. Ich habe nun also eine Kolumbianische Handynummer, mit der ich fleißig auf WhatsApp vertreten bin.
Als wir dann nach dieser abenteuerlichen Reise endlich an der Finca ankamen, wurde mir schlagartig etwas klar. Finca bedeutet nicht Ferienhaus, Finca bedeutet eine Art Bauernhof.
Wir würden das Wochenende also in einem kleinen Bauernhaus im Nirgendwo verbringen, und zwar nicht zu fünft, wie ich gehofft hatte, sondern mit zwei Cousins der Mutter plus ihren Ehefrauen. In den Fincas nebenan wohnten noch irgendwelche Cousins und Onkels und was weiß ich wer alles, die auch ständig da waren.
unser Zimmer
Nicht nur, dass es eine Menge Leute waren, es war auch nicht viel Platz. Wir, meine Kommilitonin Lisa, ihre Gastschwester und ich teilten uns zu dritt ein Zimmer, in dem es aber nur zwei Betten gab. Also teilte ich mir mit Lisa eben auch noch das Bett.

Das anstrengendste an diesem Wochenende war, dass all die vielen Menschen in ihrem starken Dialekt und in ihrem unendlich schnellen Spanisch ständig mit einem reden wollten, ich aber eigentlich nur meine Ruhe wollte um endlich mal mit all den Erfahrungen klar zu kommen.
Aber wenn ich mich irgendwo hin gesetzt habe dauerte es keine zwei Minuten bis irgendwer kam und mich fragte ob ich Handyempfang habe, was für ein Buch ich da lese oder ob ich hungrig sei.
ein typisches Frühstück
frisch geerntete Phytaya! 
Hungrig! Das wurde ich sowieso dauernd gefragt, dabei war ich es nie. Es gibt in Kolumbien nämlich DAUERND essen. Und damit meine ich dauernd. Und die drei Hauptmahlzeiten sind wirklich immens, und jedesmal gibt es Reis. Sogar zum Frühstück. Außerdem besteht das Essen hier irgendwie zu 80% aus Beilagen und zu 20% aus Fleisch (mein Hinweis darauf, dass ich kaum Fleisch esse, wurde einfach ignoriert bzw. mit einem "das geht in Kolumbien nicht", abgetan)
Zum Frühstück gibt es also beispielsweise ein Arepa (Maismehlfladen), ein Buñuelo (frittiertes Bällchen aus Maismehl und Käse), ein Würstchen und - natürlich! - eine fette Portion Reis. Dazu Kaffe oder Kakao, wobei der Kakao nicht schmeckt wir der Deutsche sondern (wie alles hier) viel zu süß, aber irgendwie nach Traubenzucker. Auch im Kaffe ist immer Zucker.
ein Abendessen
Im Prinzip sehen Mittag- und Abendessen ähnlich aus wie das Frühstück. Zu viele, zu trockene Beilagen und Fleisch.
frisch gepresster Maracujasaft












Meine kulinarischen Highlights waren jedoch an diesem Wochenende alle möglichen Arten von Früchten und Gemüse, die frisch gepflückt wurden. Denn das war der Vorteil an dem Bauernhaus: es wurde viel angepflanzt, sogar Kaffe, bei dessen Verarbeitung wir auch zusehen durften.
So kam ich in den Genuss von frisch geernteten Ananas, Mandarinen, Orangen, Bananen, Avocados, Guanabanas, Guyanas (kannte ich beides vorher auch nicht), Maracujas und Phytayas. Und eben sogar selbst geernteter und verarbeiteter Kaffe.
eine Baby-Ananas :) 
Das Regenwasser-Auffang-Becken
Das Haus war alles in allem einfach sehr rustikal, es gab auch einen Hühnerstall und gekocht wurde über offenem Feuer.
Der Kaffe wird auf dem Flachdach zum trocknen verteilt
Guanabana - Konsistenz wie roher Fisch.
Neben "me mareo" war der zweitwichtigste Satz: "¿Hay agua?" (gibt es Wasser?) was leider jedes mal mit einem "no hay agua" (es gibt kein Wasser) beantwortet wurde. Ab dem ersten Abend waren nämlich aus irgendeinem unerfindlichen Grund die Leitungen tot. Das bedeutete, geduscht wurde mit kaltem, aufgefangenen Regenwasser, und wer aufs Klo wollte musste sich erst einen Behälter Wasser aus einem Auffangbecken holen um dann nachzuspülen. (Vorsicht, unappetitlich: gespült wird nur bei "großem Geschäft"). Trinkwasser wurde zwar geliefert, war aber auch knapp (und irgendwie eklig). Ich hatte das ganze Wochenende wirklich Durst! :D Einmal konnten wir zum duschen zu einer anderen Finca. Erst hat meine Gastmama geduscht, dann die Gastschwester, dann Lisa... und als ich dran war, gab es auch in dieser Finca kein Wasser mehr. Also noch mal Regenwasser-Kübel-Dusche in eiskalt. Jehijehi! Als dann noch der Strom ausfiel, war es wirklich wie im Dschungelcamp.

Mit dem Spanisch war es am Anfang mehr als hart, da ich nicht besonders gut verstehe, noch schlechter spreche und die Leute in der Finca alle in einem unglaublichen Tempo reden. Wenn man sie dann einmal freundlich drauf hinweist, sie mögen bitte langsamer reden weil man sie sonst nicht versteht, SAGEN - SIE - EINEN - SATZ - SO, also als wäre man doof, und betonen jedes Wort ganz langsam und extra. Wenn man dann nickt, und sagt, man habe verstanden - geht es im gleichen Tempo wie vorher weiter. Die ersten beiden Tage hat mich das wirklich überfordert und um allein zu sein habe ich mich immer auf das Flachdach der Finca zurückgezogen. Erstens, weil da niemand war, außer der freundliche Hund am Fuß der Treppe, der schnell mein bester Freund wurde, und zweitens, weil es da Handyempfang gab und ich so nach Deutschland Kontakt aufnehmen konnte.

Leider lag mein "Lieblingsplatz" direkt über dem Kamin der Kochstelle, so wurde ich regelmäßig ausgeräuchert (gekocht wurde, wie gesagt, viel)
mein "Lieblingsplatz" auf der obersten Stufe
mein neuer bester Freund























Am dritten Tag hatte ich mich endlich ein wenig an die Sprechweise gewöhnt und konnte einiges verstehen, auch reden hat dann schon besser geklappt. Da ich nicht mehr dauernd allein sein wollte haben wir drei Mädels uns die Zeit mit Parqués vertrieben, die kolumbianische Version von Mensch-Ärgere-Dich-Nicht, die mit einigen komischen Regeln und vor allem GEGEN den Uhrzeigersinn gespielt wird. Außerdem haben wir einen Ausflug nach Filandia gemacht, der, nach eigener Aussage, "schönsten Stadt in Quindío"
Heute sind wir endlich wieder in die Stadt zurück gefahren. Hier, in der Gastfamilie von Lisa, werde ich noch zwei weitere Tage verbringen, bis ich dann am Mittwoch in meine eigene umziehe. Nach dem Wassermangel am vergangenen Wochenende freute ich mich am meisten auf eine Dusche, leider war das sehr ernüchternd: zwar kommt hier Wasser aus der Leitung, aber nur sehr kaltes. Und damit meine ich wirklich, wirklich sehr kaltes. Außerdem ist der Strahl nicht besonders stark, was bei meinen dicken Harren natürlich eine weitere Schwierigkeit darstellt. Ich hoffe wirklich, meine Gastfamilie hat warmes Wasser ;)
Was mich die nächsten beiden Tage hier in Perreira erwartet, weiß ich aber leider nicht. Ich darf also gespannt sein. Und ich werde berichten!
¡Hasta luego!

Donnerstag, 6. August 2015

Llegada

Nach einer 14-stündigen Reise sind wir gestern Abend, 21:40h Ortszeit in Pereira gelandet. Aufgrund einer Zeitverschiebung von 7 Stunden nach Deutschland war es bei euch grade 20 vor 3 und ihr habt vermutlich alle selig geschlummert.
Der Flug war aufregend und anstrengend. Wir sind zuerst 11 Stunden nach Bogota geflogen, was echt anstrengend ist... so lange an einem Platz sitzen... und dadurch dass man mit der Sonne fliegt, also dass es nach 11 Stunden Flug nur 4 Stunden später ist, konnte ich irgendwie auch kaum schlafen. Obwohl es für mich dann ja eigentlich 1 Uhr nachts war.
In Bogota haben wir unseren Anschlussflug dann gerade noch so bekommen. Die Zeit war knapp kalkuliert und wir haben die Südamerikanische Mentalität gleich kennengelernt... man macht alles ein bisschen langsamer, hat ja Zeit.
In Pereria wurden wir dann von der Gastfamilie von meiner Kommilitonin abgeholt, dort verbringen wir auch die erste Woche. Sie sind sehr lieb, das Haus ist schön und hat W-Lan ;) Komisch ist nur, dass ich noch gar keine Aussage darüber machen kann, wie "meine" Familie ist, oder die Stadt in der ich wohnen werde. In Pereira leben 360.000 Menschen, in Circasia hingegen, wo ich dann vier Monate sein werde, nur 27.000. Das ist schon ein Unterschied!
Um in Kolumbien anzukommen fahren wir über das Wochenende in eine Finca, die der Familie gehört. Dort können wir uns entspannen, ich kann mein Spanisch üben, wir lernen ein paar kolumbianische Gerichte kochen und dürfen uns einfach erst mal auf die Situation einstellen. Schwierig ist nur, dass es dort keinen Handy- oder Internetempfang gibt. Grade in der ersten Woche wird das für mich eine harte Bewährungsprobe, da es mir grade sehr schwer fällt so weit von zuhause weg zu sein. Ich hab schon ein bisschen Heimweh, und wenn ich dann nicht mal Kontakt halten kann...
aber naja, es ist Zeit, mich auf das Abenteuer einzulassen, und meine "eigene" Gastfamilie hat dann W-Lan. Also besser so rum als andersherum ;)
bedeutet aber auch, ich melde mich erst Montag wieder mit einem ausführlichen Bericht aus der Finca.
Nächste Woche Mittwoch werde ich dann in meine Gastfamilie kommen, da bin ich wirklich super aufgeregt. Ich hoffe, sie sind genau so lieb wie die von Lisa.
Bis dann also!
Consy

Mittwoch, 5. August 2015

¡Vamos!

Es geht los.
Mein Visum ist abgeholt, der Reiseadapter gekauft, die Koffer sind gepackt - aber zu schwer. Hoffen wir mal, dass die Lufthansa mir das durchgehen lässt :D
In knapp fünf Stunden geht der Flug, der mich für vier Monate in das Abenteuer Quindio bringen wird.
Komischerweise bin ich gar nicht aufgeregt, ich glaube das liegt daran dass ich es noch nicht richtig realisiert habe.
Ich bin aber guter Dinge, meine Gastschwester klingt wirklich lieb. Sie war schon mal ein Jahr in Deutschland und hat hier FSJ gemacht, kennt sich also ein bisschen mit der Kultur aus, spricht die Sprache ein wenig und weiß auch, was es heißt, so weit von zuhause weg zu sein. Außerdem hat ihr Papa Pferde! :D
Wenn wir heute Abend in Perreira, Riseralda ankommen, wird es in Kolumbien halb 10 abends sein. Durch die Zeitverschiebung ist es in Deutschland dann aber schon halb fünf Uhr morgens.
Dort, in der Gastfamilie meiner Kommilitonin, die mit mir hinfliegt, werden wir zusammen die erste Woche verbringen und uns auf das neue Land einstellen. Nach einer Woche dann werde ich in meine "eigene" Gastfamilie umziehen, die in Circasia, Quindio wohnt. Von meiner Kommilitonin Lisa trennt mich dann ca. eine Dreiviertel Stunde. Ich bin gespannt wie die Arbeit sein wird, ich werde dann nämlich in zwei verschiedenen Städten, nämlich Circasia selbst und auch Armenia, einer größeren Stadt im Umkreis arbeiten.
Ich melde mich dann besser noch mal aus Kolumbien, wenn ich die ganzen Sachen "wirklich" weiß und erzählen kann ;)
Danke für's Lesen und un abrazo!
Consy